03.01.2008 JUGENDSTRAFEN
Jugendstrafen müssen sinnvoll sein

Wetzel: „Jugendstrafen müssen sinnvoll sein“
FDP-Landtagsabgeordneter gegen Erziehungscamps  – Derzeitiges Strafmaß reicht aus Wetzel widerspricht Goll in punkto Erwachsenenstrafrecht für 18- bis 21-Jährige

„Ab in den Steinbruch“ – oder zumindest ins Erziehungscamp. Der liberale Landtagsabgeordnete Hans-Peter-Wetzel kann nichts anfangen mit solchen Parolen, wie sie derzeit beim Thema Jugendstrafvollzug laut werden. „Das ist reiner Populismus zu Wahlkampfzeiten“, sagt Wetzel. Härtere Strafen nützten gar nichts, meint der Rechtanwalt, der auch Strafvollzugsbeauftragter der FDP-Landtagsfraktion ist. Erstens schreckten sie nicht ab. „Wenn das so wäre, dann müssten die USA ein Land ohne Verbrechen sein.“ Doch das Gegenteil sei der Fall, trotz Erziehungscamps und Todesstrafe.  „Und wer soll strengere Maßnahmen eigentlich durchsetzen, wenn gar nicht genügend Polizeikräfte vorhanden sind?“ Das jetzige Strafmaß reiche aus, lieber solle man im Sinne der Kriminalprävention die Polizei personell besser ausstatten. Und: „Langfristig hilft gegen Gewalt nur Bildung.“
Wetzel widerspricht auch dem baden-württembergischen Justizminister Ulrich Goll (FDP), der erreichen will, dass für 18- bis 21-Jährige künftig nur noch das Erwachsenenstrafrecht gelten soll. Wetzel will jedoch das Ermessen, ob man für „Heranwachsende“ das Jugend- oder das Erwachsenstrafrecht anwendet, den jeweiligen Gerichten überlassen. Nicht jeder 18- Jährige sei ein fertiger Erwachsener. Es komme auf den Einzelfall an.
Hingegen befürwortet Wetzel „keinen Kuschelkurs gegenüber Kriminellen. – Strafe muss sein.“ Aber: „Es muss vor allem bei jungen Tätern eine sinnvolle Strafe sein, bei der die Erziehung im Vordergrund steht. Denn nur, wenn man ihnen eine Perspektive vermittelt, kann man Rückfällen entgegenwirken und die Bevölkerung davor schützen.“ Mit kurzfristigem Drill hingegen, wie er in den amerikanischen Erziehungscamps an der Tagesordnung sei, erreiche man gar nichts. Im Gegenteil: Der Kriminologe Christian Pfeiffer habe darauf hingewiesen, dass die Rückfallquote bei den Absolventen dieser „boot camps“ bei 65 bis 75 Prozent liege und man deshalb in den USA bereits wieder von dieser kostspieligen und ineffektiven Maßnahme abrücke.
Begeistert ist Wetzel jedoch vom „Projekt Chance“ der Landesregierung. Zu ihm gehört das „Jugendhaus Seehof“ in Leonberg, das Wetzel vor kurzem besuchte. Dort leben junge Straftäter in familiären Wohngemeinschaften. Mit klaren Regeln sollen sie  für ein Leben ohne Kriminalität fit gemacht werden. „Es ist das beste Beispiel für privaten Strafvollzug“, so Wetzel. Der Seehof nimmt Straftäter zwischen 14 und 19 Jahren auf, allerdings keine Schwerverbrecher. Schulbildung und Berufsvorbereitung stehen im Vordergrund sowie ein „sinnvoller Umgang“ mit ihrer Freizeit –  auch „Wiedergutmachung“ in Form von gemeinnütziger Arbeit und Täter-Opfer-Ausgleich. „Die Jugendlichen sollen sich bewusst werden, was sie angerichtet haben.“ Der Sozialpädagoge Tobias Merckle gründete das Projekt, nachdem er in den USA katastrophale Zustände im Jugendstrafvollzug erlebt hatte. „Der Seehof ist kein Zuckerschlecken“, sagt Wetzel. „Die Jugendlichen müssen mehr leisten als im Knast.“ 
Als weiteres positives Beispiel, was langfristige Perspektiven für jugendliche Delinquenten angeht, nennt Wetzel aber auch die JVA Adelsheim, die zentrale Jugendvollzugsanstalt Baden-Württembergs. Von den 450 Insassen der JVA arbeiten 340. In den Mauern der JVA befinden sich 18 Ausbildungsbetriebe. Das Besondere: Lehrstellen gibt es auch für Jugendliche „von außen“. So hielten die Gefangenen auch Kontakt zum normalen Alltag. Vor allem für Jugendliche, die bereits in einer Ausbildung steckten, als sie straffällig wurden, sei es hinsichtlich ihrer Sozialprognose ganz wichtig, dass sie diese im Gefängnis fortsetzen könnten.
Dieser Ansatz entspricht laut Wetzel ganz dem neuen baden-württembergischen Jugendstrafvollzugsgesetz: „Erziehung, Bildung und Ausbildung stehen im Vordergrund, nicht Sühne“, so Wetzel. „Sowieso hilft nur Bildung, die bereits im Kindergarten beginnt, um langfristig die Jugendkriminalität zu bekämpfen.“




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